Mancher Interessent oder damalige Unterstützerin mag sich gefragt haben: Ist die mit Elan und Engagement im Spätherbst 2010 gestartete Initiative „Kirche mit Weitblick” verpufft, eingeschlafen, wurde die Arbeit eingestellt? Anfang August trafen sich einige Akteure der ersten Stunde, um Bilanz zu ziehen und ein weiteres Vorgehen abzustimmen.
An der Notwendigkeit und Dringlichkeit von tiefgreifenden Veränderungen in der Württembergischen Landeskirche hat sich – so die einmütige Einschätzung – zwischenzeitlich nichts geändert.
Nochmal ein Blick zurück: Von Anfang an war es den InitiatorInnen wichtig, sich selbst und den Menschen, die noch an Kirche interessiert sind die Frage zu stellen: „Welche Kirche wollen Sie? Liegt Ihnen auch eine Kirche am Herzen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt und über den eigenen Kirchturm hinaus blickt?”
Das Aktionsbündnis Kirche mit Weitblick machte sich für eine Kirche stark,
• die Menschen auch jenseits traditioneller kirchlicher Milieus anspricht,
• die Gesellschaft aktiv mitgestaltet,
• die evangelische Positionen im Raum der Gesellschaft erkennbar zu Gehör bringt,
• die verlässliche und sachkundige Partnerin ist in Bildungs- und Arbeitswelt, in Familien,- Umwelt-, Gesellschafts- und Entwicklungspolitik,
• die sich als weltweite Kirche wahrnimmt und versteht,
• die Kirchengemeinden durch gesellschaftsbezogene Dienste ergänzt.
Die Idee war eine breite Plattform für Einzelpersonen, Gruppen, Werken, Einrichtungen und Organisationen aus Kirche und Gesellschaft zu schaffen: Sie sollten ihre Kritik, ihre Erwartungen und Hoffnungen im Blick auf eine Kirche formulieren, die die globalen Herausforderungen Klimawandel, Ressourcenknappheit, Schwund der Artenvielfalt und die global wie national wachsende Kluft zwischen Armut und Reichtum aufgreifen. So könnte diese Kirche selbst zukunftsfähig werden und darüber hinaus unserer Gesellschaft zum Übergang in eine schöpfungsverträgliche und gerechte Zivilisation verhelfen. Die Vielzahl der oft inhaltlich sehr ausführlichen Zuschriften sowie die Unterstützung von Prominenten, (z.B. Leni Breymaier, Brigitte Dahlbender, Erhard Eppler, dem heutige baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller, Angelika Zahrnt, der Ehrenvorsitzenden des BUND) zeigen, wieviel Hoffnung auf eine sich wandelnde Kirche gesetzt wird.
Das Bündnis konnte 2010 einige Aktionen auf die Beine Stellen: 9,5 Thesen zum Reformtionstag und den Aktionstag am 19. November in der Stuttgarter Leonhardskirche. Besonders die Präsenz von „Kirche mit Weitblick” auf der Herbstsynode hat für eingen Wirbel gesorgt. Doch konnten die befürchteten Kürzungen nicht verhindert werden.
Selbstkritisch müssen sich die Initiatoren eingestehen, dass die Aktion Kirche mit Weitblick zu sehr mit der „Rettung” der bedrohten Einrichtungen verbunden war und somit fast nur als „Lobbyarbeit” wahrgenommen wurde. Auch fehlte uns die Kapazität, einen offenen Raum von Meinungsaustausch und Perspektivenentwicklung anzubieten. Wir bedauern das sehr, denn wir halten die Aufgabe weiterhin für dringend notwendig..
Statt innerhalb der Landeskirche Arbeitsplätze zu schaffen und für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen, wird Arbeit eher „outgesourct” oder – wie in der Diakonie – schlecht bezahlt. Mehr und mehr Menschen teilen die Einschätzung, dass es so nicht mehr weitergehen kann und ein „weniger, anders und besser”, wie es die von den Kirchen mit herausgegebene Studie “Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt” beschreibt, notwendig wäre. Kirche könnte hier mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen zu einem schöpfungsverträglichen und global solidarischen Lebensstil ermutigen.
Deshalb möchten die Initiatoren die erfolgte Vernetzung von Personen, Gemeinden und Einrichtungen erhalten, den Pool des Unbehagens wie der Hoffnung offen halten und weiter ausbauen, vor allem aber inhaltlich daran weiterarbeiten, wie und wohin sich Kirche wandeln sollte. Die Internetseite „Kirche mit Weitblick” werden wir einstellen, wollen aber mit einem Zukunftskongress im Herbst 2012 allen an einer Kirchenwende Interessierten die Möglichkeit geben sich zu einem großen Ratschlag zu treffen, um fraktionsübergreifend und weitblickend – was folgt aus Jamaika? – nach praktischen Perspektiven einer zukunftsfähigen Kirche fragen. 2013 sind auch Kirchenwahlen, die zu dem notwenigen Wandel mit beitragen könnten.
Wir danken an dieser Stelle sehr herzlich für Unterstützung und Ermutigung und haben selbst die Hoffnung auf eine Kirche mit Weitblick noch nicht aufgegeben.
Deshalb unsere Bitte, mischen Sie sich ein, formulieren Sie Ihre Erwartungen und beteiligen Sie sich an einem demokratischen Prozess zur Weiterentwicklung von Kirche – auch im Vertrauen darauf, dass Veränderungen in Richtung Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung uns entgegenkommen.
Jede/jeder kann dazu beitragen, dass sich etwas bewegt – gesprächskreisübergreifend, vernetzend, demokratisch, inhaltlich und auch mal wieder aktionsorientiert.
Über Ihr Mitmachen, Ihre Beteiligung am Zukunftskongress würden wir uns freuen.
Ruth Bauer, Eberhard Braun, Jobst Kraus, Eberhard Müller, Martin Schwarz, Ernst-Ludwig Vatter